L 11/12.1 Spracharbeit
Bei der Lektüre der lateinischen Texte erweitern die Schüler ihre bisher erworbenen Sprach- und Vokabelkenntnisse und lernen Wörter und Wendungen kennen, die für bestimmte Themen und Gattungen typisch sind. Alle wesentlichen Techniken der Wortschatz- und Grammatikarbeit sind ihnen vertraut, so dass sie eigenständig grundlegende sprachliche Erscheinungen lektürebegleitend wiederholen können. Sie beherrschen den Umgang mit dem Wörterbuch und analysieren selbständig komplexe Satzstrukturen. Bei der Arbeit mit den lateinischen Texten erfassen sie die sprachliche Stilisierung durch den jeweiligen Autor und bemühen sich um deren angemessene Wiedergabe im Deutschen.
Durch intensiven Sprachvergleich – mit dem Deutschen, aber auch mit anderen Sprachen – gewinnen sie einen Einblick in die verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten und Funktionsweisen von Sprache an sich. Zugleich erweitern sie ihre Fertigkeit, dieses Wissen bei der Lösung von Aufgabenstellungen anzuwenden. Auf der Grundlage ihrer Lateinkenntnisse erschließen sie auch Begriffe aus der wissenschaftlichen Terminologie.
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Âautoren- und gattungsspezifische Wörter und Wendungen
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ÂDifferenzieren bedeutungsähnlicher Wörter
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ÂErschließen von Leitbegriffen und ihren Bedeutungsfeldern
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ÂErklären etymologischer Zusammenhänge
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ÂAnalysieren von Wörtern nach ihren Bildungselementen
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ÂErschließen von Begriffen aus der wissenschaftlichen Terminologie
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Âlektürebegleitende Wiederholung von Erscheinungen der Formenlehre und Syntax
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ÂAnalyse und graphische Darstellung komplexer Satzstrukturen
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ÂAuseinandersetzung mit der sprachlichen Stilisierung durch die Autoren
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Einblick in die Einwirkung des Lateinischen auf die europäischen Sprachen (auch Sprachwandel)
L 11/12.2 Textarbeit
Die Schüler wenden bei der Übersetzung anspruchsvoller lateinischer Texte zielgerichtet verschiedene Techniken an. Indem sie das lateinische Original mit verschiedenen deutschen Übersetzungen vergleichen, entdecken sie die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen der Übertragung fremdsprachiger Texte.
Bei der Interpretation erarbeiten sie nicht nur den gedanklichen Aufbau und die Argumentationsstruktur der lateinischen Texte, sondern sie berücksichtigen auch formale Aspekte, wie z. B. gattungsspezifische Merkmale und stilistische Gestaltungsmittel. Dabei wenden sie auch wesentliche Kriterien wissenschaftlichen Arbeitens an. Darüber hinaus beschreiben sie Kernstellen in ihrer exemplarischen Bedeutung für den Gesamtkontext eines Werkes. Durch Einbeziehen weiterer Texte oder Textstellen ordnen sie Inhalt und Aussage der Werke in größere Zusammenhänge ein. Die vergleichende Analyse der unterschiedlichen literarischen Ansätze und Formen macht ihnen die Funktion und die Leistung der lateinischen Literatur sowie deren nachhaltige Wirkung bis in die Gegenwart bewusst.
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ÂErschließen und Übersetzen anspruchsvoller lateinischer Texte
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ÂÜbersetzungsvergleich nach inhaltlichen und formalen Kriterien
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ÂZusammenfassen und Paraphrasieren größerer Textabschnitte
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ÂErarbeiten des gedanklichen Gehalts der Texte und der Aussageabsicht der Autoren
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ÂAnalyse und Interpretation von Texten unter verschiedenen Gesichtspunkten
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ÂEinordnen von Texten in größere Zusammenhänge
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Âsozial-historischer und biographischer Kontext der Werke
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Âwichtige metrische Grundbegriffe sowie Analyse von Versmaßen
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Âantike literarische Gattungen und Beispiele ihrer Wirkungsgeschichte
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ÂKriterien wissenschaftlichen Arbeitens
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Möglichkeiten und Grenzen der Aktualisierung antiker Texte
L 11/12.3 Methodisches und selbständiges Arbeiten
Die Schüler verfügen über alle grundlegenden Techniken der Sprach- und Textarbeit. Sie erproben und erweitern ihre Fertigkeiten in der selbständigen Analyse und Interpretation antiker Texte. Dabei beziehen sie Informationen aus Nachschlagewerken, Literaturgeschichten und aus dem Internet sachgerecht ein und wenden dabei auch wesentliche Kriterien wissenschaftlichen Arbeitens an. Sie verstehen es außerdem, auch im Rahmen eines Projekts Ergebnisse in einen umfassenderen, ggf. fächer- oder schulübergreifenden Kontext zu stellen und diese einzeln oder im Team adäquat zu präsentieren (z. B. in Form eines Thesenpapiers, eines Referats oder einer computergestützten Darstellung).
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Fachmedien und Nachschlagewerke, auch das Internet, als Informationsquellen selbständig verwenden
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Âwesentliche Techniken der Erschließung und Interpretation lateinischer Texte anwenden
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ÂKriterien (fach-)wissenschaftlichen Arbeitens berücksichtigen
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ÂExzerpte und Thesenpapiere zu verschiedenen Themen der Lektürearbeit anfertigen
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ÂErgebnisse der Interpretation protokollieren und fachadäquat präsentieren, auch im Team
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Âgrundlegende, auch fachbezogene Techniken wissenschaftlichen Arbeitens systematisch einüben
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ÂInformationen aus wissenschaftlicher Fachliteratur auswerten und einbringen
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Âlateinische Texte vertieft aus verschiedenen Perspektiven interpretieren, z. B. Text- und Motivvergleiche, Einbeziehen von Rezeptionsdokumenten unterschiedlicher Epochen, Quellensuche vor Ort oder im Museum
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Âggf. Lektürethemen durch projektorientiertes Arbeiten ergänzen und vertiefen, z. B. „Antike und moderne Formen satirischer Darstellung im Vergleich“, „Persönliches Engagement in Staat und Gesellschaft“ oder „Kunst und Literatur im Spannungsfeld politischer Macht“
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ggf. eine sinnvolle Projektplanung (Zeiteinteilung, Arbeitsschritte, Ergebnissicherung) erarbeiten und Ergebnisse – ggf. auch öffentlich – präsentieren
Jahrgangsstufe 11
L 11.1 Vitae philosophia dux - philosophische Haltungen
Der erste Themenblock der Jahrgangsstufe 11 bietet den Schülern die Möglichkeit, ihre im Vorjahr erworbenen philosophischen Kenntnisse zu festigen und zu erweitern, so dass sie einen nachhaltigen Einblick in die Bedeutung der antiken Philosophie für das Abendland gewinnen. Zugleich werden mit der Kenntnis von Stoa und Epikureismus die Verständnisgrundlagen für die folgenden Themenbereiche gelegt.
Im Mittelpunkt stehen Werke von Cicero und Seneca, die sich mit existenziellen Fragestellungen auseinandersetzen und in denen die Philosophie als Wegweiserin zur Lebensbewältigung in schwierigen Situationen erscheint. Zusätzliche philosophische oder christlich geprägte Texte fordern zum kritischen Vergleich und zur weiteren philosophischen Reflexion heraus.
Bei der Beschäftigung mit zentralen philosophischen Vorstellungen der Antike wird den Schülern bewusst, dass die römische Philosophie griechisches Gedankengut übernimmt, wobei sie sich vorwiegend ethischen Aspekten zuwendet. Die Schüler erkennen, dass das antike Denken bei der Frage nach dem Ursprung des Seins ansetzt, seit der sokratischen Wende den Menschen in den Mittelpunkt der Betrachtung stellt und ihn schließlich seit dem Hellenismus als ein Individuum entdeckt, das in einem erfüllten, glücklichen Leben das höchste Ziel sieht. Die verschiedenen Denkansätze antiker Philosophie regen die jungen Erwachsenen an, über den Sinn ihres Lebens nachzudenken, und ermutigen sie, eigene Wege der Lebensgestaltung zu suchen und sich von vordergründigen Wertvorstellungen zu lösen.
L 11.1.1 Texte und Autoren
Bei der Lektüre ausgewählter Schriften Ciceros setzen sich die Schüler mit elementaren Grundfragen menschlicher Existenz auseinander, wie Freiheit und Schicksal, Krankheit und Tod, Angst und Leid, Glück und Unglück. Sie erkennen dabei, dass philosophische Reflexion in der Antike auch Lebensbewältigung in schwierigen Zeiten ermöglichen soll. Ausgehend von zentralen Passagen aus Ciceros philosophischen Werken beschäftigen sie sich auch mit naturwissenschaftlichen, erkenntnistheoretischen und ethisch-religiösen Fragestellungen und erweitern so ihr Wissen über zentrale philosophische Richtungen der Antike, so dass sie beim Vergleich die verschiedenen Lehrmeinungen genau unterscheiden können. Sie erkennen, dass sich Cicero keiner antiken Richtung direkt anschließt, sondern je nach Themenbereich bestimmten philosophischen Anschauungen den Vorzug gibt. Außerdem wird ihnen bewusst, dass er den gebildeten Schichten Roms einen Großteil der griechischen Philosophie erstmals in lateinischer Sprache näherbringt.
Auf der Grundlage einer Auswahl aus Senecas Epistulae morales definieren sie zentrale Begriffe der stoischen Philosophie und erarbeiten, auch im Kontrast zu entsprechenden epikureischen Positionen, Hauptaussagen der Stoa.
Die Schüler lernen Brief und Dialog als philosophische Ausdrucksformen nach griechischem Vorbild kennen und befassen sich intensiv mit Gemeinsamkeiten und Unterschieden zentraler philosophischer Aussagen der griechisch-römischen Antike. Diese vergleichen sie mit weiteren, z. B. auch späteren Denkansätzen. Ausgewählte Beispiele aus Werken christlicher Autoren können ihnen das Fortwirken der heidnisch-antiken Bildungstradition im Christentum verdeutlichen.Â
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Âphilosophische Werke von Cicero (z. B. Auszüge aus: De finibus, De natura deorum, Tusculanae disputationes) und Seneca (z. B. Auswahl aus den Epistulae morales ad Lucilium)
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Texte zur Ergänzung: ausgewählte Passagen z. B. aus Lukrez: De rerum natura, aus Horaz: Oden, aus Werken christlicher Autoren (Augustinus, Boethius o. a.)
L 11.1.2 Antike Kultur und ihr Fortleben
Die Schüler vertiefen ihr Verständnis für Fragestellungen der griechisch-römischen Philosophie und eignen sich weitere wesentliche, bis heute fortwirkende Begriffe aus der philosophischen Terminologie an. Sie gewinnen einen Zugang zu philosophischem Denken an sich und können so auch neuzeitliche Denkmodelle besser nachvollziehen.
Die jungen Erwachsenen erkennen den Zusammenhang zwischen biographischem Hintergrund und der Beschäftigung mit Philosophie. Die von Cicero oder Seneca aufgezeigten Wege bei der Bewältigung ihrer persönlichen Schicksalsschläge bieten den Schülern bei der eigenen Lebensgestaltung Orientierungshilfe.
Schwerpunktthemen:
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Âphilosophische Schulen der Antike
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Âvertiefte Auseinandersetzung mit philosophischen Grundfragen und Grundbegriffen
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Âdie Übernahme griechischen Gedankenguts bei römischen Autoren
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Âder Stellenwert der Philosophie in Rom
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griechisch-römisches Gedankengut als Grundlage der europäischen Geistesgeschichte (v. a. die Rezeption antiker Theorien durch Philosophen der Neuzeit)
L 11.2 Ridentem dicere verum – satirische Brechungen
Anhand exemplarischer Texte unterschiedlicher Gattungen lernen die Schüler Licht- und Schattenseiten der Republik und Kaiserzeit aus der ironischen Perspektive repräsentativer Autoren kennen; zugleich erhalten sie einen lebendigen Eindruck von der Vielfalt des literarischen Lebens in der römischen Antike.
Mit den Satyrica Petrons begegnen die Schüler einem Roman, der Motive aus dem griechischen Liebesroman parodiert und aus der Perspektive eines literarisch Gebildeten die Lebens- und Denkweise der kaiserzeitlichen Gesellschaft karikierend bloßstellt. Dabei entwickeln sie nicht nur Sensibilität für ironische Sprechweisen, sondern sind auch in der Lage, Unterschiede zwischen Umgangs- und Hochsprache zu erkennen. Zugleich ergänzen sie ihre Wortschatzkenntnisse durch charakteristische Elemente der lateinischen Milieusprache. An konkreten Beispielen aus Wortschatz und Grammatik vollziehen sie nach, wie sich die romanischen Sprachen aus dem Lateinischen entwickelt haben.
Die Beschäftigung mit den Satiren des Horaz lenkt den Blick der Schüler auf die genuin römische Literaturgattung der Verssatire. Es wird ihnen bewusst, dass Horaz die gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit, aber auch seine eigene Lebenssituation kritisch reflektiert und mit feiner Ironie literarisch umsetzt. Ergänzende Textbeispiele, z. B. aus den satirischen Epigrammen Catulls, aus der Vagantendichtung oder ggf. aus der Laus Stultitiae des Erasmus von Rotterdam machen die Schüler mit weiteren Möglichkeiten ironischer Kritik an menschlichen oder gesellschaftlichen Schwächen vertraut. Beim Textvergleich werden sie auch für das Spiel des Autors mit literarischen Motiven und Gattungen sensibilisiert.
L 11.2.1 Texte und Autoren
Bei der Lektüre der Satyrica des Petron erkennen die Schüler, wie der Autor mit raffinierten literarischen Techniken Unzulänglichkeiten der kaiserzeitlichen Gesellschaft ironisch bloßstellt. Sie untersuchen, wie er z. B. in der Cena Trimalchionis den Typus des Neureichen karikiert und dabei auch geistreich griechische Vorbilder parodiert. Die dargestellten Lebensformen und Verhaltensweisen fordern die jungen Erwachsenen zu einem Vergleich mit der heutigen Zeit heraus.
Petrons Spiel mit den unterschiedlichen Sprechweisen seiner Figuren ermöglicht den Schülern einen vertieften Einblick in ihnen bisher nicht bekannte Wendungen und Ausdrucksmöglichkeiten sowie in verschiedene Sprachebenen des Lateinischen.
Bei der Lektüre ausgewählter Satiren des Horaz untersuchen sie die Gestaltungsmittel, mit denen es dem Dichter gelingt, „lachend die Wahrheit zu sagen“. Beim Vergleich mit Auszügen aus Catulls satirischen Epigrammen werden ihnen nicht nur verschiedene Formen menschlichen bzw. gesellschaftlichen Fehlverhaltens, sondern auch die breite Skala literarischer Darstellungsmöglichkeiten von feiner Ironie bis zu beißendem Spott bewusst. Die mittelalterliche Vagantendichtung oder die Laus Stultitiae des Erasmus von Rotterdam können den Schülern exemplarisch das Weiterleben der Satire in späterer Zeit vor Augen führen.
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ÂPetron: Satyrica: Cena Trimalchionis (in Auszügen), ggf. weitere Passagen; Überblick über das Werk
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ÂHoraz: Auswahl aus den Satiren
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ÂTexte zur Ergänzung: ausgewählte Passagen z. B. aus den satirischen Epigrammen Catulls, aus der mittelalterlichen Vagantendichtung, ggf. aus Erasmus von Rotterdam: Laus Stultitiae
L 11.2.2 Antike Kultur und ihr Fortleben
An der reichhaltigen Rezeption des antiken Romans vollziehen die Schüler nach, in welch hohem Maß grundlegende Elemente gerade dieser Gattung über Jahrhunderte hinweg weitergewirkt haben. Die vulgärlateinischen Sprachelemente in den Satyrica Petrons geben ihnen einen Einblick in die Entstehung und Entwicklung der romanischen Sprachen. Die Lektüre von Satiren macht die Schüler mit einer genuin römischen Gattung vertraut, die in oft überspitzter Form einen lebendigen Eindruck von römischem Lebensgefühl gibt und deren Tradition bis in die heutige Zeit lebendig ist. So sind die Schüler auch in der Lage, Parallelen und Unterschiede zur modernen Satire herausarbeiten. Mit der Laus Stultitiae des Erasmus von Rotterdam können sie weiteren Formen satirischer Darstellung begegnen.
Schwerpunktthemen:
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Âdie römische Gesellschaft als Quelle und Publikum für satirische Dichtung
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Âdie gesellschaftliche Bedeutung der Schriftsteller und der Literatur
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Ârömische Dichterkreise
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Âvielfältige literarische Formen satirischer Darstellung
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Âverschiedene Einflüsse griechischer Vorbilder auf die römische Literatur
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ggf. Âdie Rezeption der Gattung des antiken Romans bis in die Moderne
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das Fortwirken literarischer Motive in Literatur und Kunst
Jahrgangsstufe 12
L 12.1 Nunc aurea Roma est – politische Perspektiven
Am Beispiel des so genannten goldenen Zeitalters als einer wegweisenden Epoche der römischen Geschichte wird den Schülern einerseits exemplarisch das Verhältnis von Künstlern bzw. Intellektuellen zum Herrschaftssystem vor Augen geführt, andererseits wird ihr Bewusstsein dafür geschärft, dass die Deutung historischer Prozesse je nach Zeit und Blickwinkel zu unterschiedlichen Bewertungen führt.
Mit der Lektüre von Vergils Aeneis lernen die Schüler ein wirkungsmächtiges Werk der Weltliteratur kennen. Ausgehend von zentralen Passagen setzen sie sich auch eingehend mit der Einstellung des Schriftstellers zur Herrschaft des Augustus und zum politischen System des Prinzipats auseinander und erkennen das im Werk enthaltene vielschichtige Spannungsverhältnis von Inhalt und literarischer Form. Die Analyse von repräsentativen Abschnitten aus dem Geschichtswerk des Livius macht ihnen bewusst, wie der Historiker die politischen Verhältnisse seiner Zeit zu deuten versucht, indem er sie in den historischen Gesamtzusammenhang des Imperium Romanum stellt.
Unter Einbeziehung von Beispielen aus den Oden des Horaz oder den Exilschriften Ovids können sie sich mit den politischen und kulturellen Leistungen des Augustus beschäftigen, die Selbstdarstellung des Herrschers in den Res gestae mit dem Augustusbild späterer Autoren wie Tacitus oder Sueton vergleichen und dabei eine differenzierte Sichtweise im Hinblick auf mögliche ideologische oder propagandistische Intentionen von literarischen und künstlerischen Darstellungen entwickeln.
L 12.1.1 Texte und Autoren
Mit Vergils Aeneis lesen die Schüler das Nationalepos der Römer, das nicht nur für das Selbstverständnis der augusteischen Politik, sondern auch aus gattungsgeschichtlicher Sicht von zentraler Bedeutung ist. Sie erörtern unterschiedliche Deutungen der Aeneis und ihren Bezug zur augusteischen Ideologie. Der in verschiedenen Episoden des Werks angelegte tragische Konflikt zwischen widerstreitenden Wertvorstellungen regt die jungen Erwachsenen zu persönlicher Stellungnahme an. Sie setzen sich mit dem Sendungsbewusstsein Roms sowie mit Wesen und Bedeutung zentraler römischer Werte auseinander. An den im Unterricht behandelten Ausschnitten arbeiten sie auch typische Gattungs- und Kompositionselemente des antiken Epos heraus.
Anhand exemplarischer Episoden aus Livius' Werk Ab urbe condita vollziehen die Schüler nach, wie ein zeitgenössischer Historiker in seiner Geschichtsschreibung altrömische Werte und Tugenden hervorhebt und damit den Reformbestrebungen des Augustus tendenziell entgegenkommt.
Diese Darstellung fordert die Schüler zum Vergleich mit der Sicht des Augustus in seinen Res gestae, aber auch mit der Perspektive des Tacitus in seinen Annalen oder Suetons Augustus-Vita auf und konfrontiert sie mit der Problematik historischer Deutung und der Verantwortung des Geschichtsschreibers. Weitere Facetten des vielschichtigen Verhältnisses von Politik und Literatur können sie in den Oden des Horaz oder in Auszügen aus der Exildichtung Ovids kennenlernen .
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ÂVergil: Aeneis (in Auszügen); Überblick über das Werk
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ÂLivius: Ab urbe condita (ausgewählte Passagen)
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ÂTexte zur Ergänzung: ausgewählte Passagen z. B. aus Horaz: Oden, Augustus: Res gestae, Tacitus: Annales, Ovid: Tristia, Epistulae ex Ponto, Sueton: Augustus-Vita
L 12.1.2 Antike Kultur und ihr Fortleben
Im Zusammenhang mit der Lektüre erweitern die Schüler ihr Wissen über literarische Gattungs- und Stofftraditionen sowie über die ausgehende Republik und die Zeit des Prinzipats, dessen Herrschaftsideologie sie zu Vergleichen mit neuzeitlichen Machtstrukturen anregt. Sie gewinnen einen Eindruck von den vielfältigen Wirkungen der Aeneis und des Geschichtswerks des Livius auf die europäische Kunst, Musik und Literatur von der Antike bis zur Gegenwart. Die Auswertung archäologischer Quellen und Zeugnisse ermöglicht einen Einblick in Formen kaiserzeitlicher Repräsentation und Selbstdarstellung. Auch am Beispiel der Lyrik des Horaz und der Schriften Ovids können den Schülern Kontinuität und Wandel literarischer Motive in der europäischen Tradition bewusst werden.
Bei der Lektüre römischer Geschichtsschreiber gewinnen sie ein differenziertes Verständnis von römischer Historiographie, das sie zur modernen Auffassung von Geschichte und Geschichtsschreibung in Beziehung setzen können. Im Zusammenhang mit der Augustus-Vita Suetons bietet sich darüber hinaus ein Vergleich mit europäischen Herrscherbiographien an.
Schwerpunktthemen:
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Âdie Aeneis des Vergil als römisches Nationalepos
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Ârömische Wertvorstellungen
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Âdas Verhältnis von Politik und politischer Literatur
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Âdie politischen Leistungen des Augustus
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Âdie „goldene Zeit“ als Programm: Architektur, Kunst und Literatur in der augusteischen Zeit
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ÂTradition und Fortwirken griechisch-römischer Gattungen, Formen und Motive von der Antike bis zur Gegenwart
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ÂVerantwortung und Objektivität des Geschichtsschreibers
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römische und moderne Geschichtsschreibung
L 12.2 Si in Utopia fuisses mecum – staatsphilosophische Entwürfe
Anhand von antiken und neuzeitlichen Texten zur Staatsphilosophie, in deren Mittelpunkt Ciceros Schrift De re publica steht, setzen sich die Schüler intensiv mit der theoretischen Reflexion über Staat und Gesellschaft auseinander. Sie erkennen die grundlegende Bedeutung antiken Staatsdenkens für die Entwicklung des europäischen Staatsverständnisses; dabei schärfen sie auch ihre Urteilsfähigkeit, nicht nur im Hinblick auf neuzeitliche und moderne politisch-soziale Theorien und Systeme, sondern auch für die Problematik des bellum iustum und des hegemonialen Anspruchs Roms. Die kritische Würdigung des politischen Engagements Ciceros und Sallusts vor dem Hintergrund der Verhältnisse in der späten Republik veranlasst sie, über die Verpflichtung des Individuums zum aktiven Einsatz für die Gemeinschaft nachzudenken, und fördert ihre Bereitschaft, künftig auch selbst Verantwortung in der Gesellschaft zu übernehmen.
Die Begegnung mit Augustinus, der eine neue, von christlichen Vorstellungen geprägte Sichtweise von Staat und Herrschaft vermittelt, ermöglicht den Schülern, Kontinuität und Wandel des staatsphilosophischen Denkens der Antike nachzuvollziehen.
L 12.2.1 Texte und Autoren
Die Schüler begegnen mit Ciceros Schrift De re publica einem bedeutenden staatstheoretischen Werk der Antike. Unter Einbeziehung griechischer Vorbilder setzen sie sich mit antiken Staatsentstehungstheorien und Staatslehren auseinander, die das moderne Staatsdenken und Demokratieverständnis begründet und entscheidend geprägt haben. Ciceros Ausführungen über die ideale Staatsform und den gerechten Staatsmann regen die Schüler zudem an, eigene Überlegungen zu bestmöglichen Formen menschlichen Zusammenlebens, zum Begriff der Gerechtigkeit und zu Anforderungen an politisch tätige Personen anzustellen. Orientierung für das auf die Gemeinschaft gerichtete Handeln des Einzelnen können sie in Ciceros De officiis, Sallusts Prooem zu Catilinae coniuratio oder Senecas De clementia finden.
Auszüge aus De civitate Dei des Augustinus können die Schüler mit der Position eines bedeutenden Vertreters des frühen Christentums vertraut machen, der sich vor dem Hintergrund der römischen Weltherrschaft intensiv mit der Staatsdefinition Ciceros auseinandersetzt.
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ÂCicero: De re publica (in Auszügen); Überblick über das Werk
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ÂTexte zur Ergänzung: ausgewählte Passagen z. B. aus Cicero: De officiis, Sallust: Catilinae coniuratio, (Prooem), Seneca: De clementia, Augustinus: De civitate Dei
L 12.2.2 Antike Kultur und ihr Fortleben
Indem die Schüler verschiedene Staatsentstehungslehren und Staatsdefinitionen sowie Staats- und Verfassungsformen von der Antike bis zur Neuzeit miteinander vergleichen, erkennen sie die Bedeutung einer grundsätzlichen theoretischen Auseinandersetzung mit Ursprung, Wesen und Aufgaben eines Staates. Vor allem durch die Gegenüberstellung unterschiedlicher Betrachtungsweisen der einzelnen Autoren wird ihnen bewusst, dass Formen staatlichen Zusammenlebens von grundlegenden Bedürfnissen geprägt sind, aber auch gesellschaftlichem Wandel unterliegen.
Mit der Schrift De civitate Dei des Augustinus können die Schüler ein bedeutendes christlich geprägtes Werk der antiken Staatsphilosophie kennenlernen , das seinerseits auf das Denken der folgenden Jahrhunderte großen Einfluss ausgeübt hat.
Schwerpunktthemen:
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Âwesentliche Strukturen des römischen Staates in Republik und Kaiserzeit
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Âgrundlegende staatsphilosophische Begriffe
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Âantike Staatsentstehungstheorien
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Âdie Problematik des „gerechten Krieges“
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die Rolle des Einzelnen in Staat und Gesellschaft